Von der EuroSuc-Redaktion
Mehr als 400 Amtsbücher, Journale und Akten lagerten im Keller des Hauses Schöne Aussicht 41. Dort betreibt die DRK-Schwesternschaft Oranien heute ihr Haus der Altenpflege. Die Unterlagen erzählen jedoch von einer Zeit, in der vier Krankenschwestern während einer Typhusepidemie an ihre Grenzen gingen, Frauen in Wiesbaden einen Pflegeberuf erlernten und ein eigenes Rotkreuz-Krankenhaus entstand.
Im Frühjahr übergab die Schwesternschaft das historische Archiv auf Initiative ihrer Vorsitzenden Jutta Oehlschlägel an das Stadtarchiv Wiesbaden. Die Archivalien wurden neu verpackt, in einer Datenbank erschlossen und in einem klimatisierten Magazin eingelagert. Unter dem Bestandskürzel V 105 lässt sich nun recherchieren, welche Quellen aus der Zeit seit 1891 erhalten sind.
Grundlage dieses Beitrags ist eine Mitteilung des Pressereferats der Landeshauptstadt Wiesbaden. Sie beschreibt den Umfang des Bestands, seine Entstehung und die geltenden Zugangsbeschränkungen.
Patientenjournale, Operationsbücher und Hebammentagebücher
Der Bestand umfasst Patienten- und Krankenjournale aus den Jahren 1892 bis 1959 sowie Operationsbücher des früheren Krankenhauses seit 1920. Hinzu kommen Hebammentagebücher seit 1910, Geburtenbücher der Klinik für Jahre ab 1984 und eine kleine Sammlung von Marschbefehlen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Damit werden sehr unterschiedliche Seiten der lokalen Versorgung dokumentiert: die Behandlung Kranker, operative Eingriffe, Geburtshilfe, die Organisation des Pflegepersonals und der Einsatz von Schwestern in Kriegszeiten. Verwaltungsakten können zudem zeigen, wie Ausbildung, Unterkunft und Arbeit innerhalb der Schwesternschaft geregelt waren.

Die Online-Recherche bedeutet nicht, dass sämtliche Originale sofort frei eingesehen werden dürfen. Gerade Kranken- und Geburtenunterlagen enthalten sensible personenbezogene Angaben. Stadtarchivdirektor Dr. Peter Quadflieg verweist deshalb auf die Schutzfristen des Hessischen Archivgesetzes. Erst nach deren Ablauf können betroffene Dokumente frei im Archiv genutzt werden.
Vier Schwestern halfen während der Typhusepidemie
Die institutionellen Wurzeln reichen weiter zurück als die Laufzeit des Bestands. Im Juni 1885 wurde der Wiesbadener Verein vom Roten Kreuz gegründet, um Krankenpflegerinnen auszubilden und einzusetzen. Im 1879 eröffneten Städtischen Krankenhaus an der Schwalbacher Straße fehlten ausgebildete Schwestern.
Die ersten vier Pflegekräfte wurden kurz nach der Vereinsgründung während einer schweren Typhusepidemie eingesetzt. Anschließend übernahm der Verein weiterhin Aufgaben im Städtischen Krankenhaus. 1892 folgte an der Schönen Aussicht ein eigenes Rotkreuz-Krankenhaus mit 42 Betten und einer Krankenpflegeschule. Später kamen ein Heim für Wöchnerinnen, ein Schwesternwohnheim und das Mutterhaus hinzu.
Diese Entwicklung macht den Bestand auch zu einer Quelle über Frauenarbeit und berufliche Bildung. Die Schwesternschaft eröffnete Frauen einen organisierten Ausbildungs- und Berufsweg in der Krankenpflege – zu einer Zeit, aus der ihre beruflichen Erfahrungen in vielen amtlichen Überlieferungen nur begrenzt sichtbar werden. Oehlschlägel hofft deshalb, dass besonders die Rolle der Schwesternschaft als Bildungseinrichtung für Frauen vor dem Zweiten Weltkrieg wissenschaftlich untersucht wird.
Gleichschaltung, Kriegseinsatz und Neubeginn
Zum 50-jährigen Bestehen erhielt der Verein 1935 den Namen Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft Oranien. Mit dem Reichsgesetz über das Deutsche Rote Kreuz von 1937 verloren selbstständige Rotkreuz-Organisationen ihre Eigenständigkeit; die Schwesternschaften wurden einer zentralen Stelle in Berlin unterstellt.

Während des Zweiten Weltkriegs waren nach Angaben der Stadt mehr als 200 Wiesbadener Schwestern und 400 Hilfsschwestern in mobilen Wehrmachtseinheiten, im Sanitätsdienst und in Reservelazaretten eingesetzt. Die überlieferten Marschbefehle können helfen, diese Einsätze und die organisatorische Einbindung einzelner Frauen nachzuzeichnen.
Im Dezember 1947 wurde die Rotes Kreuz Schwesternschaft Oranien in Wiesbaden neu gegründet. In den 1950er-Jahren ließ sie das Krankenhaus sanieren und um drei Operationssäle, zwei Entbindungssäle, ein Labor und Büroräume erweitern. Bis zur Schließung im Jahr 2005 arbeiteten dort Chirurgen, Internisten, Gynäkologen, Hebammen und Pflegekräfte.
Die Pflegegeschichte reicht bis in Wiesbadens Gegenwart
Nach dem Ende des Krankenhauses verlagerte die Schwesternschaft ihren Schwerpunkt auf die Altenpflege. Heute zählt der eingetragene Verein rund 100 Mitglieder. Er betreibt das Haus der Altenpflege mit mehr als 100 Plätzen, Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz und die Birgit-Jung-Pflegeschule zur Ausbildung des eigenen Nachwuchses.
So verbindet das Archiv die frühere Krankenpflegeschule mit heutigen Ausbildungs- und Pflegeangeboten. Welche persönlichen und institutionellen Geschichten daraus rekonstruiert werden können, hängt nun von der Auswertung der mehr als 400 Archivalien ab. Ob ein einzelnes Journal bereits genutzt werden darf, entscheidet sich nach den gesetzlichen Schutzfristen.
Quelle: State Capital Wiesbaden Press Releases
Kontext und Aktionen Über diesen Artikel
Quellenprüfung Quellennachweis
Die Angaben wurden aus der Pressemitteilung der Landeshauptstadt Wiesbaden übernommen und nach Zeitraum, Bestandsumfang und Zugangsvoraussetzungen geordnet.
- Bestandsumfang von mehr als 400 Archivalien und Laufzeit seit 1891 abgeglichen
- Historische Stationen von der Vereinsgründung 1885 bis zur Krankenhausschließung 2005 chro...
- Genannte Dokumentarten mit der städtischen Bestandsbeschreibung abgeglichen
- Hinweis auf Datenschutz und archivrechtliche Schutzfristen beibehalten
- Quelle
- Landeshauptstadt Wiesbaden – Pressereferat
- Umfang
- Wiesbaden
- Aktualisiert
- 2026-08-24 19:55
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